Hilfe, ich bin erwachsen! Oder: das Ende meiner BAFöG-Saga

Jeder kennt sie, die urbanen Mythen und Legenden unserer Zeit. Manche machen uns Angst, andere falsche Hoffnungen.

Und ich rede nicht von falschen Hoffnungen à la „die Freundin von einer Freundin von einer Freundin hat ihren Seelenverwandten in ’nem Club kennengelernt, und sie leben nun glücklich bis an ihr Lebensende“ (ganz ehrlich, die große Liebe made-on-Tinder ist sogar realistischer).

Der Mythos, an den ich ganz still und heimlich immer ein kleines bisschen geglaubt hatte war, dass es Leute gibt, die vom BAFöG-Amt vergessen werden. Ja, einfach so – 5 Jahre BAFöG bezogen, und am Ende durchs Raster gerutscht und niemals aufgefordert worden, das Studien-Darlehen zurückzuzahlen. Soll passieren, hab ich zumindest mal gehört. Man wird ja wohl noch hoffen dürfen.

Naja, mich haben sie aber jedenfalls nicht vergessen. Vor ein paar Wochen flatterte mein wohl letzter BAFöG-Bescheid in mein Elternhaus. „Kind, du hast Post“, sagte meine Mutter traurig. Ja, sogar sie hatte dem Mythos des Vergessen-werdens eine Chance gegeben.

Mehr Chancengleichheit dank BAFöG

Für die, die nicht wissen was BAFöG ist (gibt es das überhaupt?), hier eine Kurzzusammenfassung: wenn deine Eltern unter einem bestimmten Einkommensniveau liegen, bekommst du einen Zuschuss für deine Lebensunterhaltskosten als Student/in. Wie hoch dieser liegt, hängt davon ab, wie viel (oder wenig) deine Eltern verdienen und wie viele Geschwister du hast, die sich noch in der Ausbildung befinden. Seit der letzten BAFöG-Erhöhung liegt der Höchstbetrag mittlerweile bei 735€.

Zurückzahlen musst du (anstatt des vollen Betrags + Zinsen) nur die Hälfte (say whaat?!).

Das heißt, jeder zweite Euro ist geschenkt. Zum Wohl! Gute Nachrichten gibt es für Student/innen, die den Höchstsatz beziehen: falls du im Laufe deines Studiums mehr als 20.000€ bezogen hast, musst du trotzdem maximal 10.000€ zurückzahlen. Die Förderdauer ist jedoch auf die Regelstudienzeit begrenzt (also 6 + 4 Semester für Bachelor + Master). Zum Auslandssemester gibt es übrigens auch was dazu, und das musst du überhaupt nicht zurückzahlen.

Der große Tag: die Rückzahlungsaufforderung

Neulich habe ich meine beste Freundin aus Studienzeiten besucht. Vor bereits 8 Jahren hatten uns am allerersten Tag in der Uni kennengelernt – und gleich am selben Tag beschwipst auf ihrem Balkon gesessen und sehr laut sehr schlechte 90er-Popmusik gegrölt. Und neulich also, nach einer Partynacht, die unserem ersten Semester in nichts nachsteht, erzählte sie mir, dass auch sie den gefürchteten BAFöG-Brief bekommen hat.

„Ach ja, gute alte BAFöG-Zeit. Damals hatten wir keine Sorgen.“

Versteht mich nicht falsch, natürlich ist es richtig und wichtig, seine Schulden zu begleichen. Denn dank BAFöG musste ich auch ohne reiche Eltern weder meine linke Niere verpfänden, noch parallel in 4 Nebenjobs schuften, um die Uni-Gebühren sowie meine Miete zu bezahlen. In manch anderen Ländern haben junge Menschen nicht so viel Glück.

 

Zudem gibt es einen saftigen Rabatt von ungefähr 30%, wenn man die gesamte Summe auf einen Schlag zurückzahlen kann. Nachdem du, wir erinnern uns, bereits die Hälfte geschenkt bekommen hattest. Kein schlechter Deal, ehrlich nicht.

Und dennoch verpasste es mir ein komisches Gefühl, das blumige Beamten-Deutsch des Bundesverwaltungsamtes zu lesen, das mir nichts anderes sagen wollte als:

„Alter, dein Studium ist jetzt 5 Jahre her. Verstehst du?! 5 Jahre! Was hast du in der Zeit aus deinem Leben gemacht? Bist du mittlerweile finanziell, professionell und emotional gefestigt? Ich meine, mal rein theoretisch betrachtet giltst du jetzt als Erwachsene. Just saying.“

Hilfe, bin ich jetzt erwachsen oder was?

Ich bin jetzt 28 Jahre alt. Mit 28 hatte meine Mutter bereits zwei Kinder. Ich hingegen habe eine gut gefüllte Minibar und schmeiße die besten Hausparties in der Nachbarschaft. Ist das nicht auch was wert? 30 ist das neue 20, Weltreisen das neue Statussymbol, und solange man mit seinem Rucksack auf dem Rücken in Tuktuks durch fremde Länder fährt, kann man auch die Augen davor verschließen, dass man zwar auf dem Papier älter wird, aber mit Seifenblasen im Herzen munter das Peter Pan-Syndrom auslebt.

Dank guter Gene und einem ewigen Babyface werde ich auch immer noch für jedes dritte Bier nach meinem Personalausweis gefragt. Verdrängen fällt da nicht so schwer.

Aber dieser verdammte BAFöG-Bescheid, der ist for real. Ihm kann ich nichts vormachen. „Pay up, motherf#*%er, du bist jetzt erwachsen; es gibt kein Entkommen.“ Was kommt als nächstes? Haus und Hypothek? (Ähem…)

Ja ja, ich weiß schon dass ich das Ganze überdramatisiere.

Aber wer das nicht auch ab und zu mal macht, werfe die erste Faltencreme.

Ich jedenfalls habe heute die Überweisung getätigt. Bämm. Ich bin jetzt ein großes Mädchen, und (zumindest was meine Ausbildung angeht) schuldenfrei, welch süßes Gefühl.

Das gute alte Beamtendeutsch des Bundesverwaltungsamtes kann mir gar nichts, denn:

Hörst du das, BAFöG-Darlehen? Now you’re just some money that I used to owe.

 

1 Kommentar zu “Hilfe, ich bin erwachsen! Oder: das Ende meiner BAFöG-Saga”

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