„Wer polarisiert, muss auch einstecken können“

Es gibt Menschen, die schaffen es, jedes noch so banale Thema wissenschaftlich auszuleuchten. Nicht einfach nur bequatschen, sondern dahinter gucken, auseinandernehmen, analysieren – so wie die Kommunikationswissenschaftlerin, Bloggerin und Journalistin Bianca Xenia Mayer. Wenn die 24-Jährige Wienerin über Dad-Bods, die Russenhocke oder das Zusammenziehen mit dem festen Freund schreibt, habe ich das Gefühl, in einer schlauen Vorlesung zu sitzen. In einer von den interessanten, versteht sich. Wie damals, als ich eine ganze Vorlesungsreihe in Kulturwissenschaften über Kaffee in verschiedenen Kulturen besucht habe. Das war wirklich spannend.

Während ihres Studiums war sie bereits als freie Autorin tätig und bereitete als Tutorin Erstsemester an der Universität Wien auf ein Leben in ständiger Erreichbarkeit vor. Mittlerweile arbeitet sie seit 2015 als Jungredakteurin in Hamburg für die Redaktion Bento bei Spiegel Online.

Zu ihrem Berufseinstieg als Journalistin habe ich ihr ein paar Fragen gestellt.

1. Bianca, beschreibe doch mal, was du beruflich machst

Ich mache Community Management und schreibe für Bento. Die Abwechslung ist das, was mir an meiner Position besonders gut gefällt. Es gibt Tage, da überlege ich mir jeden Teaser, jede Headline, jedes Vorschaubild für Facebook im Detail, an anderen schreibe ich Texte darüber, warum es okay ist, Freitagabend zuhause zu bleiben, wenn man von der Woche einfach nur erledigt ist. Zugegeben, manchmal mache ich auch beides gleichzeitig, das kann ganz schön anstrengend sein.

Ich schreibe auch über digitales Existieren, Internetphänomene (das wohl bekannteste der letzten Monate war die Russenhocke) und Romantik als kulturelle Praxis. Dabei versuche ich, alltägliche Situationen so aufzugreifen und aufzuarbeiten, dass sie zum Thema werden. Ein Kollege meinte mal, ich schreibe sehr spannend über Nicht-Themen. Also Dinge, die zwar jeder kennt, aber die es kaum aus der Bubble der eigenen WhatsApp-Nachrichten schaffen. Zum Glück habe ich meine Freunde, die bringen mich immer wieder auf neue Ideen.

2. Was denkst du, war für den Erfolg deines Berufseinstiegs ausschlaggebend?

Twitter und meine Liebe zum Internet. Ich bin im Internet aufgewachsen, hatte meine erste Homepage mit 13, habe mir die meisten praktischen Fähigkeiten, die ich heute beherrsche, selbst beigebracht. Das Wichtigste war also wohl mein eigenes Interesse, die Begeisterung, auch mal Stunden im WordPress-CSS zu verbringen, um am Ende das Resultat zu sehen, das ich mir schon vor meinem geistigen Auge vorgestellt habe.

Ich habe zu studieren angefangen, weil ich unbedingt Journalistin werden wollte. Der Traum war also da. Trotzdem: Be careful what you wish for, cause you just might get it. Die Realität ist anders, als man sich diese mit 18 vorstellen kann. Es ist wahnsinnig viel Arbeit, online präsent zu sein. Es ist auch viel Eigen-PR dabei. Gerade auf twitter versuche ich trotzdem, echt zu bleiben und nicht ständig darüber nachzudenken, welche (potentiellen) Arbeitgeber und Arbeitskollegen das jetzt falsch verstehen könnten. Ich bin echt, ich polarisiere auch mal – und muss dann einstecken können. Zugegeben, daran arbeite ich noch. Das Gegenargument lässt nie lange auf sich warten.

3. Was war das Hilfreichste, was du aus dem Studium ins Berufsleben mitgenommen hast?

Ich bin wahnsinnig gut im Texte überfliegen und kann in wenigen Sekunden erkennen, ob ein Thema relevant ist. Das kommt vom vielen wissenschaftlichen Arbeiten. Die letzten fünf Jahre habe ich auch viel in Bibliotheken gesessen, über Fachliteratur. Die Theorie, die ich heute in meinen Texten anwende, habe ich aus der Literatur gewonnen. Robert Connell, zum Beispiel, Pierre Bourdieu, Stuart Hall. Aber auch Wissenschaftlerinnen wie Eva Illouz, Eva Kreisky oder Margret Lünenborg , die wahnsinnig reflektiert über Romantik als soziales und kulturelles Konstrukt schreiben, haben mich beeinflusst. Und meine Professorinnen und Professoren, die tatsächlich daran interessiert waren, dass wir die Werke auch lesen. Anja Hartung zum Beispiel, oder Michaela Griesbeck.

Letzten Endes muss man sich aber immer wieder selbst motivieren, um ein Werk zu vollenden. Selbst Interesse entwickeln und dann an diesen Themen dranbleiben. Vielleicht ist das ja das Wichtigste: Sein Interesse zu finden. Etwas, wofür man brennt.

4. Wie sieht dein Alltag als Journalistin aus?

Ich stehe etwa gegen acht auf und komme nie vor sieben nach Hause. Jeder Tag ist anders. Es geht darum, Themen zu erkennen, ihnen einen gewissen Dreh zu verpassen, gleichzeitig up-to-date zu bleiben, was sich so auf Twitter und Instagram tut, um Trends zu lokalisieren. Es geht alles furchtbar schnell, auch wenn ich selbst keine klassischen News mache. Manchmal zu schnell. Ja, das sage ich als „Digital Native“. Abends lege ich mein Handy erstmal für drei, vier Stunden weg, verbringe Zeit mit meinen Liebsten, koche, lese, schaue fern. Nach zwei Jahren ohne hab ich mir jetzt Kabelanschluss geholt und freue mich jeden Montag auf Daniela Katzenberger. Sendungen interessieren mich auch aus medienwissenschaftlicher, medienethischer Perspektive. Was wir da gezeigt, und warum? Welche Publikumsbedürfnisse sollen befriedigt werden? Manchmal, da vermisse ich meinen Job an der Universität, haha. Ein, zwei Seminare zu leiten – das wär schon was.

Bloggen tu ich dann, wenn es zeitlich möglich ist. Das kann am Wochenende sein, Sonntag bietet sich gut an, oder wenn ich Spätdienst habe. Nach der Arbeit schaffe ich es einfach nicht. Nie. Nachdem ich den ganzen Tag vor dem Computer sitze und an Ideen tüftle, habe ich abends keine Muße mehr dafür. Und dann gehe ich auf Twitter, und die Ideen sprudeln nur so aus mir raus. Es hört nie auf, weder das Denken über den nächsten Text, noch über das Schreiben. Vielleicht bin ich auch deshalb genau richtig.

5. Was oder wer motiviert dich?

Wenn ich sehe, dass ich durch meine Stimme in der Öffentlichkeit etwas bewirken und Menschen zum Nachdenken bringen kann. Auch, wenn ich weiß, dass sie meiner Meinung skeptisch gegenüberstehen. Es ist wichtig, dass auch vom Mainstream abweichende Meinungen eine Bühne bekommen, dass man sich als Frau im Journalismus nicht unterkriegen lässt, keine Angst vor Hatern hat, denn die gibt es ab einer gewissen Reichweite immer. Reichweite zu haben, hat ihren Preis. Deshalb möchte ich auch künftig weiterhin am liebsten Gesellschaftlichskritisches schreiben.

Wer mich als Person inspiriert? Laurie Penny, auf jeden Fall. Ich habe sie Anfang April in Hamburg bei einer Lesung getroffen und ihr gesagt, wie wichtig ich ihre Arbeit finde und wie sehr ich sie bewundere. Penny hat heute schon zu Themen eine Meinung, die die deutsche Presse erst in einem Jahr erreichen. Sie inspiriert mich, mit ihrer wahnsinnig pragmatischen Herangehensweise, mit ihrer Denkfähigkeit, mit ihrem Aktivismus. Dass sie nie aufgibt, egal, wie schlimm die Drohungen werden. Sie zwingt Frauen in keine Rolle, sondern versucht das traditionelle Familienmodell aufzubrechen. Wer sagt, dass eine Familie nur aus Mutter Vater Kind bestehen kann? Penny ist so fortschrittlich, it hurts. Übrigens ist sie wahnsinnig witzig und nicht ein Stück abgehoben. Ihre Texte sind deutlich schärfer formuliert. Ich denke, das ist bei mir nicht anders. In echt bin ich gar nicht so angriffslustig, wie ich vielleicht manchmal rüberkomme.

6. Wo siehst du dich in 5 Jahren?

Ich arbeite im Journalismus, in der Medienbranche. Menschen wie ich können keine Fünf-Jahres-Pläne machen, solange es keine langfristige Lösung für die Finanzierung journalistischer Produkte gibt. Solange es üblich ist, alle sieben bis fünfzehn Jahre seinen Job inklusive Wohnort zu ändern, ist mir ein zukunftgerichtetes Denken nicht möglich. Wünschen würde ich es mir trotzdem. Ich sehe mich in Berlin, in einer kleinen Wohnung mit Hund. Dort werde ich dann hoffentlich sesshaft, schmeiße Grillpartys am Balkon und fahre alle zwei Monate nach Wien oder Zürich, um meine Familie zu treffen. Ich vermisse sie sehr. Das ist der Preis, den man zu zahlen hat, wenn man sich für dieses unbeständige Leben entscheidet. Für den Traum, den man hatte.

7. Welchen Tipp würdest du deinem jüngeren Ich heute geben?

Mach dir keine Sorgen, es läuft alles genau so, wie es laufen sollte. Stress dich nicht zu sehr, wegen Abgabeterminen, sondern studier ruhig ein Semester mehr – wenn du es brauchst. Wenn es dich inhaltlich weiterbringt, oder persönlich.

Und das Wichtigste ist immer noch das Privatleben. Vernachlässige nie dein Privatleben. Zum Glück habe ich das nie gemacht. So handhabe ich es auch in Zukunft. Wer keine Freunde hat, keine Beziehungen, wird auch im Job nicht glücklich.

 

Bianca Xenia Mayer arbeitet bei bento (SPIEGEL ONLINE GmbH). Wenn du selbst auch auf Jobsuche bist, schau mal dir doch mal die Stellenanzeigen der Spiegelgruppe an.

 

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