My ehrgeiz is killing me. #Jobgeflüster

Es begann alles bei vielen Gläsern Weißwein und Brüssels feinstem Falafel, als Bianca Xenia Mayer und ich miteinander über unseren jeweils ganz persönlichen Berufseinstieg sprachen. Seitdem Bianca vor einem Jahr als Jung-Journalistin ins Berufsleben einstieg, ist sie heute in Teilzeit fest als Autorin angestellt, und gleichzeitig teilselbstständig als Autorin und Bloggerin in Berlin unterwegs. Ich bin als Festangestellte bei der EU in Brüssel als Pressereferentin tätig. Während unsere Berufswege unterschiedlicher nicht klingen können, so gibt es doch einige Phänomene, die uns beiden sehr bekannt sind.

Und weil es so viel Spaß macht, sich über Berufliches, das Leben und alles drum herum auszutauschen, haben wir die #Jobgeflüster-Reihe ausgebaut. Hier plaudern wir regelmäßig über unseren Berufsalltag, spannende Erfahrungen und neue Herausforderungen. Schnappt euch einen Drink (oder zumindest eine schöne Tasse Tee) und los gehts!

Dieses Mal geht es um etwas, was der einen oder dem anderen Over-Achiever bekannt vorkommen könnte. Die Sache mit dem guten alten Ehrgeiz. Eigentlich ist er ganz praktisch; er lässt einen Dinge schaffen, seine Ziele erreichen und seinen Träumen näher kommen. Aber wohin damit, wenn er einen mal wieder nicht in Ruhe schlafen, den Feierabend oder das Wochenende genießen lässt?

 

Bianca schreibt:

Zwei Jobs zu haben ist für freischaffende Kreative eine super Sache, gar keine Frage. Ich arbeite so autonom wie noch nie, kann mir meine Zeit eigenständig einteilen und sitze so wenig wie möglich im Büro. Ich genieße die positiven Seiten einer flexiblen Festanstellung und auch die der komplett freien Autorinnenschaft.

Was viele nicht wissen: Ich bin da, wo ich heute bin, weil mein zweiter Name nicht Xenia sondern eigentlich Ehrgeiz lautet. Ehrgeizig, das klingt so spießig und ekelig, irgendwie streberhaft. So, als ob man sich dafür schämen müsste, dass man Deadlines einhält und noch nie eine verpasst hat, dass man Aufträge fertig hat, bevor man eine Mahnung per E-Mail bekommt und auch sonst ein riesen Loser mit Kontrollproblem ist, der keinen Tag verbringen kann, ohne an die Arbeit zu denken.

Alles erfunden? Vielleicht nicht ganz.

Dadurch, dass ich mir meine Selbstständigkeit mit der nötigen Portion Durchhaltevermögen erarbeitet habe, fällt es mir schwer, in meiner Freizeit davon wegzukommen. Wenn ich frei habe, dann habe ich frei, weil ich mir den Freiraum zuvor erschaffen habe. Weil ich schnell war oder früh angefangen habe, weil ich gewissenhaft vorgegangen bin und jetzt zufrieden auf das publizierte Endergebnis blicke. Da gabs keinen Uhrzeiger, dessen Bewegungen ich an der Wand beobachtet hätte, um endlich nach Hause zu können.

Und genau hier fängt der ganze Struggle an, der mit der Teil-Selbstständigkeit einhergeht: Wie gut muss ich sein, wie gut muss ich bleiben, dass alles so weiterläuft wie bisher? Wie lange kann ich abschalten, ohne aus meinem Fachgebiet rauszukommen?

Ich schätze mich glücklich, vom Schreiben leben zu können, fünf Jahre nachdem ich damit angefangen habe. Und gleichzeitig birgt es eine Riesenverantwortung. Für mich selbst und die Qualität der Texte, die ich publiziere. Für das Publikum. Für die Auftraggeber, die sich auf mich verlassen und deren Vertrauen in meine Fähigkeiten ich sehr schätze. Frei zu arbeiten ist die größte Adelung. Nur werde ich eben selten nach der Arbeit nach Hause kommen und einen leeren Kopf haben. Es gibt kein wirkliches „nach der Arbeit“. Weil ich eben teilselbstständig bin. Weil mein Zuhause manchmal mein Arbeitsort ist und ich meinen Ideenfluss nicht mit einem künstlich errichteten Damm unterbrechen kann.

Genauso wie ich es hasse anderen Leuten etwas zu schulden, hasse ich es, mir selbst etwas zu schulden.

Wenn ich mein eigener Chef bin – wie hart darf ich mich dann rannehmen?

Sollte ich vielleicht mal einen Kurs machen in Burn-Out-Prävention und nachhaltigem Self-Management? Ich bin sicher eine Frau im besten Alter für ein Coaching!

Es läuft gerade so gut, dass ich im Kreis springen könnte vor Glück. Ich schreibe in der Art und Weise, wie ich es für interessant halte über das Internet und Kultur – und es gibt Menschen, die haben das erkannt und unterstützen mich offline und online.

Und gleichzeitig bin ich dadurch von mir selbst abhängig. Von meinem Gehirn, meiner Fähigkeit mich zu konzentrieren. Ich mache das, weil es mir Spaß macht und ich mache es, weil es mir mein Leben sichert. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich in einem ständigen Rad aus Aufträgen hänge, das nicht aufhört sich zu drehen nur weil Freitagabend ist, auch wenn ich an dem Tag vielleicht gar nicht „richtig“ gearbeitet habe, sondern in der Sonne saß, zwei Stunden, bevor ich ein paar Pitches losgesendet habe.

Wo fängt Arbeit an, wo hört sie auf?

Hier ein fester Auftrag über Monate hinweg, dort eine Kooperationsanfrage von jemand ganz Neues. Jetzt, wo es so richtig läuft und ich meinen Ehrgeiz endlich zurückfahren könnte, kann ich genau das schlecht. Weil dieses Etwas im meinem Kopf der Grund dafür ist, dass ich mein Studium abgeschlossen, die letzten Jobs trotz Widrigkeiten als Herausforderung angenommen habe und stetig auf etwas zuarbeite, für das ich meinem zukünftigen Ich jetzt schon dankbar bin – wenn alles klappt.

Und da sind wir wieder beim schönen „Wenn“, das meinen Adrenalinspiegel steigen und zusätzliche Aufträge annehmen lässt, die innere Stimme, die auch mal flüstert, dass es besser geht, dass diese eine Phrase lustiger sein könnte, oder der letzte Satz abwechslungsreicher.

My ehrgeiz is killing me, weil er sich nicht an- und abschalten lässt wie eine Nachttischlampe. Weil er da ist, mich und mein Innerstes umtreibt und schimpft, hie und da. Manchmal, da sagt er mir auch „gut gemacht“ und „weiter so“. Er schaut auf den Blog und denkt: „Unfassbar, das hast du alles in diesem Monat geschafft?“ und appelliert fröhlich an den Teil des Gehirns, der sich eigentlich auf das Privatleben konzentrieren möchte.

Im Endeffekt bin ich doch so ehrgeizig geworden, damit ich mehr Zeit habe für Freunde, die Verwandten in anderen Städten und Reisen nach Südostasien. Damit ich weniger arbeite – oder, wie es Stefanie Sargnagel formuliert:

Noch habe ich zu lernen, wie ich mit der Freiheit umgehe. Wie ich lockerer werde, auch mit einer vollen To-Do-Liste, die eben genau deshalb niemals ganz weggehen wird, weil ich genug Arbeit und vielseitige Arbeitgeber habe.

Ich komme für meinen Lebensunterhalt auf und genau deshalb wird es die völlige Freiheit nicht mehr in der Form geben, wie ich sie aus den Schwimmbadzeiten 2007 in goldener Erinnerung halte. Die Freiheit, die ich jetzt habe, an die muss ich mich gewöhnen. Sie ist eine finanzielle, zeitliche und räumliche. Sie lässt mich schöne Dinge für die Wohnung kaufen, die Miete bezahlen, das Prestige aufpolieren (hin und wieder) und zufrieden sein, mit dem Selbstbild.

Ich werde noch dahin kommen, dass ich mir die Freiheit, die das Frei-sein mit sich bringt, auf meinen Lebensstil maßschneidere. Langsam. Dass ich am Donnerstag um zwei ins Schwimmbad gehe und auch mal freitagabends einen Text schreibe, wenn ich gerade Bock habe. Weil ich nicht mehr gezwungen bin auf Knopfdruck zu funktionieren, nur weil es morgens halb zehn in Deutschland ist.

Ehrgeiz, geh bitte scheißen.

Und lass mich einfach mal für ein paar Tage in Ruhe. Nichts passiert, wenn ich nicht über diese neue Serie oder dieses neue Café schreibe. Nur, weil ich es kann, heißt das nicht, dass ich alles tun muss.

 


Christina schreibt:

Liebe Bianca, du sprichst mir aus der Seele.

Da wo ich immer sein wollte, da bin ich jetzt.

Neun Jahre nach meinem Abitur und drei Jahre nach meinem Studienabschluss blicke ich zufrieden auf meinen Werdegang zurück – und voller Vorfreude und Erwartungen nach vorne. Die ganze harte Arbeit der letzten Jahre, das sich-weiter-entwickeln, das Feilen am eigenen digitalen Profil hat sich endlich bezahlt gemacht. Ich wurde über LinkedIn für diesen Job angeheuert, eben weil ich mich hier und da engagiere. Eben weil ich in meiner Freizeit gerne schreibe. Weil ich nicht nur weiß, wie die EU funktioniert, sondern es auch hinbekomme, einen verständlichen Satz geradeaus zu formulieren oder einen Tweet zu verfassen.

Und doch hört sich mein inneres Hamsterrad nicht auf zu drehen. Richtig abzuschalten, das gelingt mir nicht immer. Als Pressereferentin sind die täglichen Nachrichten für mich mein Job – egal was für ein Wochentag es ist. Die (Nachrichten-)Welt hört nicht auf, sich zu drehen, nur weil ich gerade Freitagabend habe, und wenn irgendwo in der Welt etwas geschieht, dann betrifft mich das. Dass ich mich so einsetze, das liegt natürlich zu einem großen Teil daran, dass ich von dem was ich tue überzeugt bin, und es mir Spaß macht.

Es liegt aber zu einem großen Teil auch an den typischen Ehrgeiz, der Menschen wie uns ganz häufig begleitet. Ausruhen, weil man den Traumjob bekommen hat? Ach wo. Denn, habe ich den Job erst mal bekommen, will ich mich natürlich auch beweisen. Ich will zeigen, dass ich es drauf habe, und dass die Entscheidung, mich einzustellen, goldrichtig war. Ich möchte es nicht (nur) den anderen beweisen, sondern in erster Linie mir selbst.

Ehrgeiz bedeutet, die Dinge gut machen zu wollen

Die ersten Monate im neuen Job waren so herausfordernd und so anstrengend, dass ich mich voll und ganz darauf konzentriert habe. Dass vorübergehend andere Dinge zwangsläufig ein wenig zu kurz kommen, ist da ganz normal. So hatte ich beispielsweise auch das Bloggen komplett hinten angestellt. Ich war nicht sicher, ob die Lust und die Energie dazu jemals wieder kommen würden. Dann irgendwann, machte sich der ganze Fleiß im neuen Job bezahlt. Irgendwann hatte ich den Dreh raus, und nun geht alles etwas einfacher von der Hand.

Wunderbar, dann kann ich ja jetzt einen Gang runterschalten, nicht wahr? Mich um 17 Uhr ausstempeln, nach Hause gehen und danach auch nicht mehr über Arbeit nachdenken.

So funktioniert es aber leider nicht, weil ich meinen Ehrgeiz eben, wie du so schön gesagt hast, nicht wie eine Nachttischlampe ein- und ausschalten kann. Wenn eine Idee kommt, dann hämmere ich sie in mein Smartphone. Wenn ich mit Menschen spreche und Feedback über die Kommunikation der EU bekomme, dann ist mir das nicht egal, nur weil gerade Samstagnachmittag ist.

Auch Hobbys kosten Kraft

Zudem kribbelt es mich ebenso in den Fingern, wieder zu schreiben. Ich kann es einfach nicht lasse; zu lange war es still auf meinem Blog. Aber auch wenn es „nur“ mein Hobby ist, so ist es – seien wir mal ehrlich – trotzdem eine Arbeit, ob sie mir nun meine Miete bezahlt oder nicht. Das Chapter One Mag existiert in dieser Qualität, weil mein Ehrgeiz es verlangt, dass ich das Herzensprojekt, das ich mir in den Kopf gesetzt habe, auch so umsetze, dass es mich zufrieden macht. Und das ist toll. Manchmal lässt mich, auch wenn ich vielleicht total müde und erschöpft bin, ein interessanter Artikel, eine inspirierende Person oder eine neue Idee wieder voller Energie aufblühen.

Und gleichzeitig kenne ich die Negativa die du ansprichst, sehr gut. Ich kenne die Momente, in denen man sich ausgebrannt fühlt, in denen das Rattern im eigenen Kopf so laut, so dauerhaft präsent und so undurchdringlich ist, dass man gar nicht mehr weiß, wie einem geschieht.

Ich war schon ein paar mal an diesem Punkt, und es hat mir Angst gemacht. Es hat mich hinterfragen lassen, ob es das alles wirklich wert ist. Ob ich nicht auch mit weniger Trubel zufrieden sein könnte. Die Antwort ist nicht schwarz oder weiß. Jeder muss für sich selbst lernen, wo die Grenze ist. Ich kenne meine mittlerweile (halbwegs).

Aber ist das Problem wirklich der Ehrgeiz selbst?

Unser Ehrgeiz lässt uns Dinge umzusetzen, die es verdienen, anständig umgesetzt zu werden. Unser Ehrgeiz hilft uns, unseren Träumen ein Stück näher zu kommen, und unser Leben mit schönen und erfüllenden Erfolgserlebnissen anzureichern.

Manchmal wünsche ich mir mehr Zeit für all die Dinge, damit noch etwas übrig bleibt zum Ausruhen. Einfach mal 30 Stunden am Tag, statt 24. Aber ganz ehrlich, würde das irgendetwas ändern? Ich würde die überschüssige Zeit ja doch für all das aufwenden, was ich ohnehin schon tue – nur eben noch mehr davon. Denn für jede umgesetzte Idee habe ich drei weitere, die säuerlich in meinem Hinterkopf schlummern, sodass ich stets das Gefühl habe, nicht voll und ganz das auszuleben, was ich machen könnte. Es klingt so einleuchtend, so logisch: Nur, weil ich es kann, heißt das nicht, dass ich alles tun muss. Ja, stimmt eigentlich.

Der Mut, auf sich selbst zu achten

Das Problem ist nicht der Ehrgeiz. Faul sein alleine macht uns auch nicht glücklicher. Worauf es bei alledem grundlegend ankommt, ist wie wir mit unserem Ehrgeiz, unserem Körper, und letztlich mit uns selbst umgehen. Dass wir tatsächlich auch den Mut haben, bestimmte Dinge einfach mal nicht zu tun, weil wir uns ausruhen müssen. Achtsamkeit und Respekt vor dem eigenen Körper (und dessen Grenzen) sind gerade für Menschen wie uns extrem wichtig.

Ich habe, zumindest zum Teil, gelernt, was für mich positiver Stress ist, und was mich auf Dauer krank macht. Was mir echte und langfristige Freude bringt, und was nur Energie zehrt, ohne mich meinen Werten und Zielen näherzubringen.

Es ist ein Prozess, und ich bin noch lange nicht am Ende angekommen. Aber zumindest weiß ich heute besser, wann ich die Reißleine ziehen und sagen muss:

Ehrgeiz, geh bitte scheißen, heute geht es nicht um dich.

Wie geht es dir damit?

Hast du auch manchmal ein „zu viel“ an Ehrgeiz, oder bist du von Beruf eher Chiller und ständig damit beschäftigt, dich zu motivieren?

 

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