Frauen, Ausländer und andere Menschen

Viele Leserinnen kennen das: Als Frau wird man im Berufsleben nicht immer so ernst genommen, wie man es gerne hätte und wie die eigene Leistung es rechtfertigen würde. Wenn man obendrein noch „klein und süß“ aussieht, hilft das der Sache auch nicht gerade.

Mansplaining ist real

Sogenanntes „Mansplaining“ und anderer Bullshit begegnen mir regelmäßig, und mittlerweile habe ich mir ein paar kleine Strategien zurechtgelegt, um besser damit umzugehen. Nerven tut es natürlich trotzdem. Deshalb wird über diese kleinen Benachteiligungen, die Frauen jeden Alters täglich begegnen, glücklicherweise auch bereits viel gesprochen. Und viele Männer die ich kenne, haben solche Phänomene auch mittlerweile erkannt und steuern aktiv dagegen an. Wenn es auch sehr langsam passiert; es tut sich was – und das ist gut so!

Doch es geht bekanntlich immer schlimmer. Deshalb möchte ich heute über eine ähnlich geartete Benachteiligung reden, über die im Mainstream ebenfalls, wenn auch nicht ganz so häufig gesprochen wird. Es geht um die Diskriminierung und das Nicht-ernstnehmen von „Ausländer/innen“. Und ja, sie findet auch selbst dann statt, wenn diese bereits zwei oder drei Jahrzehnte in einem Land leben. Ein Akzent ist eben nicht so schnell über Bord geworfen wie eine Staatszugehörigkeit.

Auch diese Diskriminierung ist subtil. Sie ist scheinbar unsichtbar, still und heimlich. Manchmal ist sie aber auch laut und unverschämt und gemein.

Woher ich das weiß? Dadurch, dass ich sehe, wie manche Menschen meine Eltern behandeln, und wie sie im Kontrast dazu mich behandeln. Denn mir sieht – beziehungsweise hört – man das nicht unbedingt gleich an, ihnen schon.

Geboren in Kasachstan, aufgewachsen in Deutschland

Ich bin in Kasachstan geboren, aber mein Nachname (Wunder) könnte deutscher nicht sein. Wie kommt das? Meine deutschen Vorfahren sind im 18. Jahrhundert aus Baden-Württemberg nach Russland ausgewandert; meine Großeltern hatten also als deutsche Aussiedler in Russland gelebt. Während des zweiten Weltkriegs wurden sie, auf Grund ihrer deutschen Wurzeln, gewaltsam nach Kasachstan deportiert. Dort wuchsen meine Eltern auf; und dort kam schließlich auch ich zur Welt.

Ende 1989 – ich war da gerade mal 9 Monate alt – entschieden sich meine Eltern dann im Alter von 22 Jahren, aus der Sowjetunion nach Deutschland zu ziehen. Für Menschen wie uns – und es gibt über zwei Millionen (!) Menschen mit der gleichen Geschichte in Deutschland – gibt es viele Namen: Russlanddeutsche; (Spät-)Aussiedler; Menschen mit Migrationshintergrund; Heimkehrer; Ausländer.

Ausländer, Migrant, Mensch

Doch eine wichtige Kleinigkeit unterscheidet mich von meinen Eltern, auch wenn weder sie noch ich in Deutschland geboren wurden. Und diese Kleinigkeit macht den ganzen Unterschied: meine Eltern sprechen mit Akzent; ich nicht. Denn ich bin nicht in der russischsprachigen Sowjetunion aufgewachsen und zur Schule gegangen, sondern in Deutschland.

Ich bin mit dem Bewusstsein um diese kleinen Alltagsdiskriminierungen aufgewachsen. Was interessant ist, denn gleichzeitig habe ich von meinen Eltern mitbekommen, dass man nicht meckert. Arbeite hart, sei fleißig und beschwer dich nicht – dann wirst du schon ein gutes und glückliches Leben führen. Und auch wenn sie sich nie beschweren, erzählen sie doch ab und zu von diesen kleinen fiesen Ungerechtigkeiten. Von der scheinbar unsichtbaren Ungleichbehandlung im Alltag – vom Arbeitsalltag mal ganz abgesehen.

Nicht selten berichtete mein Vater bereits davon, dass er bei der Aufgabenverteilung auf der Arbeit den Kürzeren zog (ratet mal wer die undankbaren Aufgaben bekommt). Nicht selten erzählte meine Mutter von den Sticheleien ihrer ehemaligen Chefin, die sie, sobald darauf angesprochen, damit abtat, dass meine Mutter sie wegen der Sprachbarriere nicht richtig verstanden habe. Sprachbarriere, bitte was? Verdammt, sie lebt seit über einem Viertel-Jahrhundert in diesem Land, spricht die Sprache perfekt und weiß, wann sie beleidigt wird und wann nicht.

Nicht nur weiblich, sondern auch noch mit Akzent, äh, ich meine „Migrationshintergrund“

Spricht meine Mutter beispielsweise mit den „Leuten auf dem Amt“ – in zu 99% perfektem Deutsch, aber eben mit gerolltem „r“ – wird sie in der Hälfte der Fälle nicht ernst genommen. Vor allem dann, wenn es für ihr Gegenüber von Vorteil ist, sie einfach abzubügeln. Einfach unterbrechen. Einfach unverschämt sein. Und danach einfach behaupten, sie „habe das nicht richtig verstanden“. Basta. Der Nächste bitte.

Deshalb versuche ich, wenn ich kann, diese Dinge zu übernehmen. Dann gebe ich mich manchmal am Telefon für meine Mutter aus. Dann passieren solche Dinge nicht, und meine Mutter hat einen Kopfschmerz weniger. Deshalb regle ich auch so viel ich kann per Brief und Email für meine Eltern. Denn schlau schreiben, das kann ich. Und ohne Akzent.

Richtig ist das trotzdem nicht.

Diskriminierung hat reale Konsequenzen

Denn im Zweifel kann das sehr wohl auch reale Konsequenzen haben. Ein Beispiel: Meine kleine Schwester hat eine geistige Behinderung. Man sieht sie ihr nicht gleich an, und doch hat sie einen 100%-Pflegebedarf, mit steter Notwendigkeit einer Begleitperson. Glücklicherweise ist Deutschland hier relativ gut aufgestellt. Es gibt staatliche Unterstützung, spezielle Förderschulen und Angebote, die meine Eltern ein Stück weit entlasten und meiner Schwester ein gutes Leben ermöglichen.

In der Theorie zumindest. Denn leider geschieht es trotzdem immer mal wieder, dass man sich herumplagt. So beispielsweise mit dem Busunternehmen, dass meine Schwester sowie andere Kinder mit Behinderung in unserem Stadtteil von zu Hause abholen und zur Schule bringen soll. Da sie dies aber nicht immer angemessen machen, gibt es immer wieder Probleme mit diesem Busdienst.

In den Nachbarstadtteilen passieren solche Probleme nicht, bei uns aber schon – trotz regelmäßiger Beschwerden. Mich wundert dann ja schon, wie das sein kann. Vielleicht liegt es daran, dass in unserem Stadtteil hauptsächlich Russlanddeutsche (a.k.a. „Ausländer“) wohnen? Vielleicht liegt es daran, dass diese sich weniger beschweren – oder es zumindest nur einmal wagen. Bis sie ein paar mal dreist abgebügelt werden, herablassendes Verhalten und spöttisches Grinsen inbegriffen. Ist das eine zufriedenstellende Erklärung dafür, dass behinderte Kinder und deren Eltern nicht dieselbe Unterstützung erhalten, wie das in den benachbarten Stadtteilen der Fall ist?

Bei allem gebührenden Respekt: verdammte Scheiße, nein.

Ich sage nicht, dass das Absicht ist. Ich glaube wirklich nicht, dass da jemand sitzt, sich ins Fäustchen lacht und sagt: „den Ausländern zeigen wir’s jetzt mal so richtig“. Aber sich aus seinem bequemen Verwaltungssessel erheben, und für deren Rechte einstehen, das ist dann eben doch zu viel des Guten. Es ist schließlich bequemer, sich einfach nicht zu kümmern. Vor allem, wenn man weiß – oder es zumindest ahnt, und kein Problem damit hat, es darauf ankommen zu lassen – dass das Gegenüber sich im Zweifel nicht richtig wehren wird. Weil er oder sie sich das nicht zutraut, oder sich der eigenen Rechte gar nicht bewusst ist.

Also fing ich an, das Ganze schriftlich auszutragen. Nachdem ich ein paar freundliche, aber bestimmte Emails geschrieben, und mit meinem Halbwissen und ein paar Paragraphen umher gefuchtelt hatte, wurde die Situation tatsächlich etwas besser.

Doch neulich gab es erneut Probleme. Nach abermals einem erneuten Beschwerdebrief wurde meine Mutter – also diejenige, die sich als einzige immer noch anmaßt, diese Ungleichbehandlung anzuprangern – morgens zum besagten Busunternehmen zitiert. Ich war zufällig auch zu Hause, also kam ich mit.

Der Busfahrer aus der Hölle

Selten habe ich so eine unverschämte und latent bis offen aggressive Ansprache erlebt. Mansplaining, dauerndes Unterbrechen und von-oben-herab-Behandlung kenne ich ja schon. Aber dieser Mann brachte das alles auf ein neues Level.

Meine Mutter schilderte ihm (zum aber-millionsten Mal), warum es für meine Schwester auf Grund ihrer Behinderung nicht möglich ist, morgens unbeaufsichtigt irgendwo an der Straße herumzustehen und auf den Bus zu warten, oder nachmittags alleine durch den ganzen Verkehr nach Hause zu gehen. Deshalb gibt es diesen Busdienst schließlich.

Der Busfahrer jedoch hörte gar nicht zu. Er erzählte meiner Mutter stattdessen in herablassendem Tonfall, dass sie ja gar keine Ahnung von gar nichts hätte, und deshalb still sein solle. „Was ist denn so schwer daran, Ihre Tochter kann doch einfach die paar hundert Meter runterlaufen und hier in den Bus einsteigen!?“

Wieder beginnt meine Mutter geduldig ihm zu erklären, was eine geistige Behinderung ist, und was das für die Sicherheit meiner Schwester im Straßenverkehr bedeutet.

Ich melde mich ruhig und freundlich zu Wort und merke an, dass dieses Busunternehmen von der Stadt für eine bestimmte Aufgabe bezahlt werde: um Kinder mit Behinderung von zu Hause abzuholen und sicher zur Schule zu bringen. Wenn diese Kinder sich alleine von A nach B bewegen könnten, würden sie einen solchen Busdienst ja gar nicht benötigen und stattdessen den öffentlichen Nahverkehr benutzen – können sie aber nicht.

„Du sei mal lieber ganz still!“

Der Busfahrer schnappt nach Luft; seine Aggressivität steigert sich sekündlich. Er würdigt mich keines Blickes. Er zischt meine Mutter an: „Wer ist das denn bitte, Ihre Tochter?“ Meine Mutter bejaht.

„Ach, na das ist ja interessant“, sagt er spöttisch, dabei rückt wieder ein Stück näher an meine Mutter heran, bis sein Gesicht nur noch 10 cm von ihrem entfernt ist. Seine Lippe zittert aggressiv. „Hat die jetzt mehr zu sagen als Sie oder was? Können Sie sich nicht selbst helfen, müssen Sie Ihre Tochter mitbringen?“ Er lacht meiner Mutter ins Gesicht.

Ich merke, wie sie neben mir versucht, die Fassung nicht zu verlieren. Sie nimmt Luft, um etwas zu antworten, doch drohend unterbricht sie der Busfahrer „Ich mache das hier schon lange genug, und ich bin auch schon seit Jahren mit der Stadt in Kontakt. Wir machen das hier weiter so wie bisher und fertig.“

Ich erkläre ihm, dass auch wir mit der Stadt in Kontakt seien. Doch noch bevor ich meinen Satz zu Ende bringen kann, unterbricht er mich schon wieder laut. Irritiert davon, dass ich die Dreistigkeit besitze, erneut das Wort zu ergreifen (war er etwa nicht deutlich genug gewesen?), richtet er sich nun doch an mich: „Du hast überhaupt keine Ahnung, ok?! Du hast keine Ahnung was unsere Arbeit ist, und was nicht. Ich versuche euch hier in ruhigem Ton zu erklären, wie das ablaufen wird, also bleib lieber ganz ruhig und lass uns mal machen.“

Ich unterdrücke ein Lachen, denn der einzige der bisher laut geworden war, war schließlich er. Ich antworte: „Na wir sind doch ganz ruhig. Sie lassen mich ja nicht ausreden und fallen mir wiederholt ins Wort. Wie dem auch sei, wir werden das erneut der Stadt melden und sie zudem auffordern, Ihre Verträge prüfen zu lassen. Denn offenbar erfüllen Sie die Leistung, mit der Sie beauftragt wurden, nicht anforderungsgemäß.“

Seine Lippe zittert nun noch mehr, er hat Schwierigkeiten, seine Aggression unter Kontrolle zu halten. Ich bin erschrocken über seine Art, versuche es mir aber nicht anmerken zu lassen.

Er bleckt seine Zähne und funkelt mich wütend an: „Na du bist ja ’ne ganz Schlaue, was. Ihr habt überhaupt gar keine Ahnung von nix und müsst erst mal Gegenargumente bringen. Und bis dahin seid mal einfach ganz still.“

Kein Wunder, dass sich niemand mehr traut

Na kein Wunder, dass die Nachbarin, mit der ich zuvor gesprochen hatte, deren Kind mit Down-Syndrom auch von diesem Busfahrer abgeholt wird, sich geweigert hat, bei einer eventuellen Beschwerde mitzumachen; obwohl sie enorm darunter leidet, dass der Fahrdienst nicht anständig funktioniert. Wenn er mit allen Müttern auf der Strecke so redet, ist ja klar, warum sich niemand mehr traut, etwas zu sagen.

Der Busfahrer stammelt noch ein paar herablassende Kommentare vor sich hin, darüber, dass wir schon sehen werden, was wir davon haben, und so weiter und so fort.

Wirklich allerspätestens jetzt besteht kein Zweifel mehr, dass es keinen Sinn hat, weiter mit diesem Mann zu diskutieren. Wir erklären ihm, dass das Gespräch nun beendet sei und schauen ihm hinterher, wie er wütend zurück in den Bus stapft und mit meiner Schwester und den anderen Kindern davonfährt.

Ich bin immer noch baff. Ist das gerade wirklich passiert?

„Vorher haben die gar nicht auf unsere Beschwerden reagiert“

Auf dem Weg zurück macht meine Mutter ihrem Ärger Luft. „So geht das schon seit fast drei Jahren mit diesem Kerl,“ sagt sie. „Die anderen Mütter und ich wissen, dass wir im Recht sind, und beschweren uns immer wieder. Aber es tut sich einfach nichts, die nehmen uns nicht ernst. Aber es kann doch nicht sein, dass es in allen anderen Stadtteilen klappt, und nur bei uns nicht! Mich hat der Fahrer besonders auf dem Kieker, denn wegen mir muss er jetzt immer bis zur Bushaltestelle hochfahren, anstatt die Kinder mitten im Verkehrskreisel einzusammeln und rauszulassen. Und das machen die auch nur seitdem du die Briefe für mich schreibst. Vorher haben die ja überhaupt gar nicht reagiert.“

Mal sehen wie ernst sie die Sache nehmen, wenn die Anwälte die Briefe schreiben.

Die können nämlich auch schlau schreiben. Und auch ohne Akzent.

 

Was meinst du? Hinterlass uns einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.