Warum ich nicht mehr als 24 Stunden am Tag brauche

Wie verlockend ist doch der Gedanke: Hätte der Tag doch bloß ein paar Stunden mehr. Nur 3 Stunden mehr jeden Tag, dann würde ich all die schönen Dinge tun, zu denen ich sonst nie komme: ausschlafen, entspannen, endlich mal meine Oma anrufen. Stattdessen hechele ich immer nur allen Deadlines, Terminen und Verabredungen hinterher, ohne dass ein Ende in Sicht ist. Ohne, dass ich je vollends ausgeruht bin oder mit den Dingen weiterkomme, die ich mir vorgenommen habe. Wie gut ginge es mir doch, wenn ich einfach nur ein kleines bisschen mehr Zeit hätte.

Wenn ich aber eine Sekunde innehalte, merke ich, dass das Quatsch ist.

Bedeutet mehr Zeit automatisch mehr Entspannung…?

Ich sage: Gott sei Dank hat der Tag nicht mehr als 24 Stunden – denn sonst würde das Hamsterrad sich ja noch länger drehen. Der Gedanke, dass ein paar zusätzliche Stunden am Tag zu mehr Entspannung und Ausgeglichenheit führen würden, ist in ungefähr so unwahrscheinlich, wie dass ich dieses Mal wirklich nur ein Stück Schokolade esse und den Rest der Tafel liegen lasse, haha. Das einzige was passieren würde, wenn ich drei Stunden mehr Zeit am Tag hätte, ist, dass ich versuchen würde, noch mehr Programm rein zu quetschen. Programm, von dem ich es wieder nicht schaffen würde, mich zu erholen.

Nachdem ich mit meinem ziemlich anstrengenden Master fertig war (Vollzeit-Studium, unbezahltes Praktikum nach den Vorlesungen und Wochenend-Nebenjob alles zur selben Zeit), habe ich diese unglaublich viele freie Zeit, die eine „nur“-40-Stundenwoche mit sich bringt geliebt und gefeiert. Wie schön, endlich wieder normale Bücher lesen zu können (zu sehr hat mich wissenschaftliche Literatur schon angekotzt). Wie schön, endlich wieder Zeit für Sport, Freunde und Serienmarathons zu haben. Für freie Wochenenden, ohne lernen und tun.

Gut, im neuen Job in Brüssel sind es keine 40 Stunden mehr, sondern eher 60-70. Aber dennoch, bleiben da abzüglich Schlaf nicht noch in etwa 50 Stunden jede Woche übrig?

Jetzt, gute 3 Jahre nach Abschluss meines Studiums, bin ich wieder am Limit meines Zeitkontos angekommen. Versteh mich nicht falsch, ich liebe alle meinen Job (sonst würde ich ja nicht so viel Zeit und Energie in ihn investieren), ich liebe meine Nebenprojekte (auch wenn das Chapter One Mag momentan etwas stiefmütterlich behandelt wird) und ebenso die Zeit mit meinen Freunden in den unzähligen Bars und noch unzähligeren Netzwerkveranstaltungen.

Was mir aber mittlerweile klargeworden ist, ist dass irgendwann unweigerlich die Zeit kommt, in der ich auch lernen muss, Nein zu sagen. In der ich damit klarkommen muss, auch mal Dinge zu verpassen. Auch mal eine Aufgabe unerledigt im Büro liegen lassen zu können, wenn nicht gerade der gesamte Erfolg oder Misserfolg eines Projekts auf dem Spiel steht. Wann dieser Moment kommt, ist vollkommen relativ und bei jedem unterschiedlich. So richtig habe ich den Dreh auch zugegebenermaßen noch nicht raus.

…Oder einfach nur mehr Arbeit?

Eins ist aber so sicher wie das Amen in der Kirche:  Hätte ich drei Stunden mehr am Tag, so wie sich das viele im Smalltalk mal so eben wünschen, würde ich in den ersten Tagen und Wochen ja vielleicht sogar tatsächlich entspannen, klar. Aber irgendwann, käme definitiv wieder der Punkt, an dem ich mir (wahrscheinlich ohne es zu merken) den Tag wieder bis in die letze Minute verplane, daran herum optimiere und nicht für die Dinge nutze, für die ich sie mir ja gewünscht hatte. Und dann? Weitere 3 Stunden von der guten Zeitfee wünschen? Die über kurz oder lang wieder nicht für entspannende Aktivitäten genutzt würden?

Dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin, wurde mir klar, als ich letzte Woche in Brüssel eine Vortragsreihe von TedxBrusselsWomen besucht habe. Unter dem Motto „It’s about time“, haben viele spannende Redner/innen von ihren Gedanken und Erfahrungen erzählt. In einem speziell für diese Tedx-Talks produzierten Kurzfilm, hat die renommierte Filmemacherin Grace Lee mehrere Frauen dazu befragt, was sie mit ein paar zusätzlichen Stunden am Tag machen würden. Die Antworten waren so unterhaltsam wie ehrlich und wahr: „Ich weiß ich sollte jetzt sagen, dass ich Sport machen würde, dass ich schlafen, ein Bad nehmen oder lesen würde. Aber ich würde wahrscheinlich einfach nur versuchen, noch mehr Arbeit erledigt zu bekommen.“

Nein, das kann es nicht sein. Ich brauche nicht mehr Zeit. Ich brauche einfach nur den Mut, einfach mal weniger zu machen. Der erste Schritt dahin (okay, es sind eigentlich zwei): priorisieren und Nein sagen.

Priorisieren und Nein sagen – wie geht das?

Na, das ist doch super easy – said no one ever. Wenn ich herausgefunden habe, wie das geht, melde ich mich nochmal, versprochen. Bis dahin nehme ich eure Tipps gerne dankend entgegen!

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